Die erste Sedcard
Was auf eine Sedcard gehört und was nicht: Vorderseite, Maße, Bildauswahl, Format und die Fehler, die eine erste Karte am häufigsten unbrauchbar machen.
Eine Sedcard ist das Dokument, mit dem über Sie entschieden wird, während Sie nicht im Raum sind. Ein Booker legt sie einer Vorauswahl bei, jemand auf der Kundenseite sieht sie zwischen einem Dutzend anderer, und die Entscheidung fällt schneller, als dieser Satz zu lesen ist. Alles, was auf der Karte steht, muss für genau diesen Moment gebaut sein.
Was eine Sedcard ist
Eine Sedcard ist die Visitenkarte eines Gesichts: eine doppelseitige Karte mit einem Hauptbild, dem Namen, den Maßen und einer kleinen Auswahl weiterer Aufnahmen. Sie ersetzt kein Portfolio und soll es auch nicht. Das Book ist die ausführliche Fassung, die Sedcard die verdichtete.
Der Begriff ist im deutschsprachigen Markt fest etabliert — auf Agenturseiten, in Castingformularen und in jedem Gespräch am Set heißt es so. Traditionell wurde die Karte gedruckt, ungefähr im Postkartenformat, damit sie in eine Casting-Mappe passt. Heute reist sie überwiegend als Datei, ist aber unverändert nach denselben Regeln gebaut, weil sich die Aufgabe nicht geändert hat: In wenigen Sekunden muss ablesbar sein, wer da ist und was mit dieser Person möglich wäre.
Die Vorderseite trägt genau ein Bild
Ein Porträt, ruhig ausgeleuchtet, das Gesicht klar erkennbar, ohne Styling, das in zwei Jahren datiert wirkt. Kein starkes Make-up, keine auffällige Frisur, keine Requisiten. Was hier gebraucht wird, ist die Ausgangslage: Die Kundin muss sich vorstellen können, was aus diesem Gesicht in ihrer Produktion wird, und das gelingt umso schlechter, je mehr die Aufnahme bereits entschieden hat.
Dazu kommen der Name, so wie die Agentur ihn führt, das Board und die Maßangaben. Mehr steht auf der Vorderseite nicht, und mehr soll dort auch nicht stehen.
Die Maße sind Arbeitsangaben, keine Selbstdarstellung
Körpergröße, Brust, Taille, Hüfte, Konfektions- und Schuhgröße, Haar- und Augenfarbe. Diese Zahlen sind kein Steckbrief, sondern die Grundlage einer Planung. Ein Sample-Set liegt in einer Größe vor, und was nicht sitzt, lässt sich am Set nur begrenzt stecken; wie stark das die Besetzung bestimmt, steht auf der Seite zu Fashion.
Zwei Zentimeter zu den eigenen Gunsten gerundet klingen harmlos. Sie kosten im ungünstigen Fall einen halben Drehtag und belasten das Verhältnis zwischen Agentur und Kunde. Eine unbequeme Zahl hat noch nie jemanden von einem Board ferngehalten, eine falsche schon — warum Angaben und Bilder in der Sichtung so schwer wiegen, steht in Was eine Agentur in einer Bewerbung sieht.
Und ein zweiter Punkt: Maße verändern sich, besonders zwischen sechzehn und zwanzig. Sie gehören deshalb in einen Rhythmus und nicht in eine einmalige Erhebung.
Die Rückseite: Spannweite statt Wiederholung
Auf die Rückseite kommen drei bis sechs Aufnahmen, und ihre einzige Aufgabe ist Bandbreite. Jedes Bild soll etwas zeigen, das die anderen nicht zeigen: eine klare Beauty-Aufnahme, eine Ganzkörperaufnahme, in der Proportion und Haltung lesbar sind, eine Aufnahme in Bewegung, eine mit anderem Licht oder anderer Stimmung.
Der häufigste Fehler an dieser Stelle ist die Wiederholung. Fünf Varianten desselben Termins, dieselbe Frisur, dasselbe Licht, dieselbe Kopfhaltung: Das ist keine Auswahl, sondern eine Serie. Sie beantwortet die Frage nach der Einsetzbarkeit mit einem stillen „eher nicht“.
Fast ebenso häufig sind zu viele Bilder. Eine Karte mit zehn Miniaturen wird nicht gründlicher angesehen, sondern schlechter gelesen. Wer sich nicht trennen kann, hat das Material noch nicht sortiert.
Was nicht auf eine Sedcard gehört
- Stark retuschierte Aufnahmen. Sie erzeugen eine Erwartung, die am Drehtag niemand einlöst
- Gruppenbilder, auch angeschnittene
- Collagen, Rahmen, Effekte, Schrift über dem Bild
- Fremde Markenlogos aus einer Produktion, für die keine Freigabe vorliegt
- Eigene Kontaktdaten. Ansprechpartner ist die Agentur, sonst laufen Anfragen an ihr vorbei und niemand hat die Konditionen im Blick
- Hobbys, Zitate, Sprüche
Woher die Bilder kommen
Selten aus einem einzigen Termin. Das Material für eine erste Karte entsteht aus Tests — Terminen, die genau dafür stattfinden, Bilder zu erzeugen. Wie so ein Termin abläuft und was er realistisch abwirft, steht in Vom Testshooting zum Portfolio.
Eine Karte, die aus einem einzigen Shooting gebaut wurde, sieht danach aus, und zwar sofort: gleiches Licht, gleiche Handschrift, gleiche Stimmung auf allen Feldern. Zwei oder drei Termine mit unterschiedlichen Fotografinnen ergeben eine Rückseite, die tatsächlich eine Spannweite zeigt.
Papier und Datei
Gedruckt wird weiterhin, weil bei Castings und Go-sees Karten liegen bleiben und weitergereicht werden. Der größere Teil des Wegs läuft inzwischen aber digital: als PDF im Anhang einer Vorauswahl oder über das Profil auf der Agenturseite. Wie ein solches Profil aussieht, lässt sich im Board nachsehen — es trägt dieselben Angaben, nur mit mehr Bildern und ohne Platzgrenze.
Für die Datei gilt eine Regel, die im Druck selbstverständlich ist und digital gern vergessen wird: Sie muss auch klein noch funktionieren. Wer eine Karte auf einem Telefon öffnet, sieht das Hauptbild groß und die Rückseite als Reihe kleiner Felder. Was in dieser Größe nicht mehr zu erkennen ist, existiert für die Entscheidung nicht.
Wie eine Karte gelesen wird, wenn eine Anfrage vorliegt
Die Reihenfolge am Schreibtisch ist eine andere als beim Bauen der Karte. Zuerst wird gefiltert: Wer passt in die Sample-Größe, wer ist am Termin verfügbar, wer liegt in der gesuchten Altersgruppe. Erst danach werden die Karten der verbliebenen Gesichter nebeneinandergelegt.
In diesem zweiten Schritt sucht ein Booker etwas sehr Konkretes — ein Bild, das aussieht wie die Aufgabe, die zu besetzen ist. Für eine Beauty-Anfrage die klare Nahaufnahme, für eine Kollektionsstrecke die Ganzkörperaufnahme mit Haltung, für eine Bewegtbildproduktion irgendeinen Hinweis darauf, dass diese Person sich bewegen kann.
Daraus folgt eine praktische Regel für die Rückseite: Mindestens eine Aufnahme sollte der Art von Arbeit ähneln, für die Sie besetzt werden möchten. Eine Karte, auf der ausschließlich stark stilisierte Bilder stehen, wird bei kommerziellen Anfragen übergangen — nicht weil die Bilder schlecht wären, sondern weil sie die gestellte Frage nicht beantworten.
Umgekehrt gilt dasselbe. Wer ausschließlich freundliche, gleichmäßig ausgeleuchtete Katalogbilder zeigt, kommt für eine Strecke mit Handschrift nicht in die engere Wahl. Die Karte ist dann nicht falsch, sie ist für eine andere Frage gebaut.
Wer die Karte bezahlt
Die Agentur. Weder die Bewerbung noch die Aufnahme ins Board noch die Sedcard kosten ein Model etwas; die Kostenfrage ist auf Model werden ausführlich beantwortet, weil sie im deutschen Markt die häufigste Frage überhaupt ist.
Der Merksatz dazu ist kurz: Eine Agentur verdient an einer Vermittlung, ein Anbieter von Sedcards verdient an Ihnen. Wo eine Karte gegen Vorkasse angeboten wird, ist das kein Zusatzangebot, sondern das eigentliche Geschäft. Daran ändert auch ein professionell wirkender Auftritt nichts — im Gegenteil, er ist Teil davon.
Wann eine Karte neu gemacht wird
Wenn sich das Erscheinungsbild verändert: Haarfarbe, Haarlänge, Gewicht, bei jungen Gesichtern schlicht das Alter. Wenn das Board eine andere Richtung einschlägt. Und wenn die Bilder nicht mehr zu dem passen, was tatsächlich angefragt wird — eine Karte, die auf Editorial hin gebaut ist, hilft bei einer E-Commerce-Anfrage wenig.
Ein guter Anlass für eine Überarbeitung sind außerdem die Rückfragen aus Castings. Wenn dreimal dieselbe Frage kommt, ob es eine Aufnahme ohne Make-up gibt, ob Sie das Haar auch offen tragen, ob es etwas Ganzkörperiges gibt: Dann fehlt auf der Karte etwas, und die Rückfrage ist die günstigste Rückmeldung, die Sie bekommen können.
Zwischen zwei Überarbeitungen liegt bei einem neuen Gesicht meist weniger Zeit, als angenehm ist. Das ist normal. Eine erste Karte ist ein Arbeitsstand, kein Abschluss — sie soll gut genug sein, um die ersten Termine zu erzeugen, aus denen dann die Bilder für die zweite entstehen.
Der häufigste Denkfehler
Viele bauen ihre erste Karte so, als müsste sie beweisen, dass jemand modeln kann. Das ist nicht ihre Aufgabe. Sie muss zeigen, wer da ist, in welchen Maßen, mit welcher Spannweite — und sie muss dabei so wenig wie möglich behaupten.
Wenn Sie sich zwischen zwei Aufnahmen für die Vorderseite nicht entscheiden können, nehmen Sie die ruhigere. Überzeugen ist die Aufgabe des Castings; die Karte muss nur dafür sorgen, dass es dazu kommt.
