Der richtige Zeitpunkt für eine Bewerbung
Wann man sich bei einer Modelagentur bewirbt: der Saisonkalender der Branche, was Spring Intake meint und welcher Abstand nach einer Absage sinnvoll ist.
Bewerben kann man sich an jedem Tag des Jahres. Angesehen wird eine Bewerbung deswegen nicht an jedem Tag gleich — und das hat weniger mit Laune zu tun als mit einem Kalender, der in dieser Branche seit Jahrzehnten derselbe ist.
Der Posteingang schließt nie
Es gibt keine Bewerbungsfrist, kein Semester, keinen Stichtag. Wer sich im Juli meldet, bekommt keine Absage, weil Juli ist. Ungleich verteilt ist etwas anderes, nämlich die Aufmerksamkeit — und wer weiß, wo im Jahr sie liegt, hat davon mehr als von jedem Kniff im Anschreiben.
Zwei Dinge bestimmen sie: ob die Booker gerade im Castingbetrieb stecken, und ob das Board zu diesem Zeitpunkt überhaupt durchgesehen wird. In den Wochen, in denen beides zusammenfällt, wird eine gute Bewerbung übersehen, die sechs Wochen später eine Antwort bekommen hätte.
Der Rhythmus, an dem sich alles ausrichtet
Die Mode arbeitet in zwei Hauptsaisons, und sie zeigt Kollektionen lange, bevor sie im Handel liegen. Die Schauwochen der europäischen Modestädte und New Yorks liegen entsprechend im Spätwinter und im Frühherbst. In diesen Wochen sind Booker in Castings, am Telefon und unterwegs; der Posteingang wartet. Was eine Schaubesetzung tatsächlich verlangt und warum sie so viel Vorbereitung bindet, steht auf der Seite zu Runway.
Der kommerzielle Teil folgt derselben Logik, nur um einen Schritt versetzt. Was Kundinnen im Laden oder im Onlineshop sehen, wurde deutlich vorher fotografiert. Die Produktionsspitzen liegen also vor der Verkaufssaison, nicht in ihr.
Daraus ergeben sich zwei Arten von Wochen: solche, in denen eine Agentur fast ausschließlich vermittelt, und solche, in denen sie sich ansieht, wen sie als Nächstes vermitteln könnte. Eine Bewerbung will in die zweite Sorte fallen.
Was Spring Intake meint
Der Begriff stammt aus dem englischsprachigen Branchengebrauch und bezeichnet das Zeitfenster, in dem Boards vor der Frühjahrs- und Sommersaison aufgefüllt werden. Im deutschen Markt gibt es dafür kein festes Wort, die Praxis ist aber dieselbe: Ein Board wird gefüllt, bevor es gebraucht wird, nicht während es gebraucht wird.
Für eine Bewerbung folgt daraus eine unbequeme Konsequenz. Wer sich meldet, während die Castings laufen, konkurriert mit den Castings um Aufmerksamkeit. Wer sich davor meldet, konkurriert mit anderen Bewerbungen — und das ist der deutlich bessere Wettbewerb.
Wann eine Bewerbung günstig liegt
Wenn Boards vor einer Saison gefüllt werden, liegt der brauchbare Moment jeweils einige Wochen vor den Schauwochen und vor den großen Produktionsphasen. Das ist keine Geheimregel, sondern eine Ableitung aus dem, was ohnehin öffentlich im Kalender steht.
Falls Sie nicht einschätzen können, wo im Jahr Sie gerade stehen: Fragen Sie. Ein Satz wie „falls das ein ungünstiger Moment ist, melde ich mich in sechs Wochen gern noch einmal“ wirkt nicht aufdringlich, sondern nach jemandem, der versteht, wie die Arbeit läuft. Solche Sätze bleiben hängen, und sie machen aus einer Bewerbung einen Vorgang mit Fortsetzung.
Die stillen Wochen sind besser als ihr Ruf
Über die Feiertage und im tiefen Sommer dauern Antworten. Das ist kein Zeichen, sondern eine Personallage. Eine Bewerbung, die in dieser Zeit ankommt, liegt allerdings oben, wenn der Betrieb wieder anläuft — vorausgesetzt, sie ist kurz genug, um dann noch gelesen zu werden.
Der Fehler an dieser Stelle ist verbreitet und teuer: Stille als Absage zu lesen und nach fünf Tagen nachzufassen, dann nach zehn noch einmal. Damit wird aus einer neutralen Lage eine negative. Zwei Wochen sind ein angemessener Abstand für eine einzige, freundliche Nachfrage, und danach ist das Thema für dieses Mal erledigt.
Ähnliches gilt für die Tage direkt nach einer Schauwoche. Wer dann durchsieht, arbeitet einen Stapel ab, und ein Stapel wird zügiger gelesen als eine einzelne Nachricht mitten im Betrieb — dafür aber auch strenger sortiert. Beides zusammen ergibt eine schlichte Faustregel für den Text: kurz halten, alles Wesentliche in die ersten Zeilen, und danach abwarten.
Der Zeitpunkt im Leben zählt mehr als der im Kalender
Agenturen fragen nach Schule, Ausbildung oder Beruf, weil ein Board Menschen braucht, die kurzfristig reisen können. Deshalb verändert das Ende eines Schuljahres mehr an einer Bewerbung als der Monat, in dem sie eintrifft. Wer im Abschlussjahr steckt und das sagt, bekommt oft die Antwort, man solle sich im Sommer wieder melden — und das ist keine Abfuhr, sondern ein Termin.
Bei Minderjährigen kommt die Einwilligung der Eltern hinzu; wie das gehandhabt wird, steht auf Model werden. Der übliche Einstieg ins Fashion-Segment liegt früh, das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass „zu spät“ weitgehend eine Vorstellung dieses einen Segments ist. Kommerzielle Produktionen, Beauty und Detailaufnahmen arbeiten über eine erheblich größere Altersspanne, und dort stellt sich die Frage anders: nicht, ob jemand jung genug ist, sondern ob das Gesicht zu der Zielgruppe passt, die eine Marke ansprechen möchte.
Was in der Wartezeit tatsächlich hilft
Die Zeit zwischen zwei Bewerbungen ist kein Leerlauf. Sie ist die einzige Phase, in der sich an den Voraussetzungen überhaupt etwas ändern lässt, und sie wird meistens verschenkt.
Aktuelles Material ist der offensichtliche Punkt. Aufnahmen altern schnell, bei jungen Gesichtern besonders, und eine Bewerbung mit Bildern aus dem Vorjahr beantwortet die Frage nicht, wie jemand heute aussieht. Neue Aufnahmen kosten nichts außer Tageslicht und einer Person, die auslöst.
Der zweite Punkt ist unspektakulär und wird trotzdem selten gemacht: die eigenen Maße nachmessen. Nicht schätzen, nicht aus der Erinnerung, sondern mit dem Bandmaß, im Stehen, ohne Schuhe. Zwischen sechzehn und zwanzig lohnt sich das zweimal im Jahr — die Zahlen bewegen sich, und Angaben, die nicht zu den Bildern passen, führen häufiger zu einer Absage als eine unbequeme Zahl.
Dazu die Verfügbarkeit. Wer weiß, wann Klausuren liegen, wann ein Ausbildungsabschnitt endet und ab wann er reisen könnte, kann das in einem Satz mitschicken. Dieser Satz erspart eine Rückfrage, und Rückfragen sind genau die Stelle, an der Bewerbungen liegen bleiben.
Was in dieser Zeit dagegen wenig bringt, ist ein bezahltes Portfolio-Shooting in Erwartung einer Zusage. Die Bilder, die eine Agentur später tatsächlich braucht, entstehen nach der Aufnahme ins Board und nach ihrer Vorgabe. Vorher weiß niemand, in welche Richtung gearbeitet wird — und ein Stapel Aufnahmen in der falschen Handschrift macht eine Bewerbung nicht besser, sondern schwerer zu lesen.
Wenn schon einmal abgesagt wurde
Eine zweite Bewerbung lohnt sich, wenn sich etwas Nachprüfbares verändert hat. Ein halbes bis ein Jahr ist dafür ein vernünftiger Abstand — nicht als Regel, sondern weil in kürzerer Zeit selten etwas entsteht, das die erste Einschätzung verschiebt.
Als Veränderung zählt: neues Material aus Testterminen, veränderte Maße, ein Umzug näher an die Städte, in denen produziert wird, ein abgeschlossener Ausbildungsabschnitt und damit mehr Verfügbarkeit. Nicht als Veränderung zählt: dieselben Bilder, sechs Monate später, mit einem längeren Anschreiben.
Und es lohnt sich, vorher zu wissen, woran es lag. Absagen enthalten mehr Information, als sie auf den ersten Blick hergeben; welche Gründe sich mit der Zeit erledigen und welche nicht, steht in Was eine Agentur in einer Bewerbung sieht.
Wenn ein Auslandsmarkt dazukommt
Dann vervielfacht sich die Kalenderfrage. Zwei Märkte haben zwei Saisons, die selten deckungsgleich sind, und dazu kommt der Verwaltungsteil: Papiere, Anträge und Fristen, die sich in Monaten messen, nicht in Wochen. Wer im Frühjahr in einem anderen Markt arbeiten möchte, trifft die Entscheidung dazu nicht im Frühjahr.
Für die USA ist dieser Vorlauf besonders lang, weil die Arbeitserlaubnis am Anfang der Kette steht und nicht am Ende — Als Model nach Los Angeles beschreibt, was daran hängt. Die praktische Folge für eine Bewerbung im Heimatmarkt: Wenn ein Auslandsaufenthalt überhaupt ein Thema ist, gehört er in das erste Gespräch, nicht in das fünfte. Eine Agentur plant anders, wenn sie weiß, dass jemand in einem Jahr für drei Monate weg sein möchte.
Der Zeitpunkt, den es nicht gibt
Es gibt keinen Monat, in dem Agenturen niemanden aufnehmen, und keinen, in dem sie alle aufnehmen. Was es gibt, sind Wochen, in denen niemand Zeit hat, und Wochen, in denen jemand durchsieht, was liegen geblieben ist.
Wenn Sie unsicher sind, schicken Sie die Bewerbung heute. Der schlechteste Zeitpunkt ist der, an dem Sie noch auf den richtigen warten: Ein Board wird aus dem gefüllt, was vorliegt, und nicht aus dem, was im Oktober vielleicht eintrifft.
